(VICE) Rechtsextreme am Salzburger Hauptbahnhof

Wenn Freunde mit Migrationshintergrund schnell über den Vorplatz des Salzburger Hauptbahnhofs laufen, weil sie Angst haben, von Rechtsextremen angesprochen und bedrängt zu werden, läuft definitiv etwas falsch.

 

Dieser Text wurde zuerst bei VICE Austria veröffentlicht und dient hier nur als Arbeitsprobe. Original: https://www.vice.com/de_at/article/wn34az/rechtsextreme-am-salzburger-hauptbahnhof

Ein paar meiner Freunde sind nicht in Österreich geboren. Sie kommen aus anderen Ländern – und genau das ist das Problem. Zumindest für Rechtsextreme. Mir wird immer wieder erzählt, dass sie vor allem am Hauptbahnhof blöd angesprochen oder bedrängt werden. Sie bekommen immer mehr Angst vor diesem Ort. Und ich kann das sehr gut nachvollziehen.

Vor rund zwei Wochen wurde ich in der Vorhalle des Salzburger Hauptbahnhofes das erste Mal von einem jungen Mann als „links-linke Zecke“ bezeichnet. Wahrscheinlich, weil ich mit einem Mitglied der Jungen Grünen unterwegs war. Ich wollte wissen, ob es anderen Leuten auch so geht. Dafür ging ich im und um den Bahnhof herum, um bei verschiedenen Leuten nachzufragen.

Ich komme mit dem 16-jährigen Maher ins Gespräch. Er lebt in Salzburg seit er fünf ist und spricht fließend Deutsch. Nur seine Hautfarbe ist nicht so hell wie die der „Einheimischen“. Er erzählt mir, dass er wegen seines Schulweges täglich am Hauptbahnhof vorbeikommt und er schon mehrmals Schwierigkeiten hatte.

„Verpiss dich zurück in dein Land.“

Es kommt nicht selten vor, dass ihm Sätze wie: „Verpiss dich zurück in dein Land“ zugerufen werden. Das sei ihm egal, erzählt er. Vor rund einem Jahr wurde er dann das erste Mal körperlich angegriffen. Als er am späten Abend über den Bahnhofsvorplatz ging, wurde er aggressiv von der Seite geschubst und fiel hin. Dabei wurde er zwar nicht verletzt, erzählt aber, dass er den Bahnhof seither meide, soweit das eben möglich ist. Aus Angst.

Als ich im weiten Raum des Bahnhofs versuche, auch mit Rechten ins Gespräch zu kommen, sehe ich an den Wänden Hakenkreuze und Parolen. Mich interessiert, wie oft solche Schmierereien entfernt werden müssen und wer das bezahlt. Dafür zuständig ist laut Angaben der Stadtreinigung Salzburg die ÖBB.

Entfernter Schriftzug „HH“. Foto: VICE Media

Die Pressesprecherin der ÖBB kann keine Angaben zu der Häufigkeit und den Kosten der Reinigungen geben, da „die Art der Graffitis und Verunreinigungen nicht gesondert erhoben beziehungsweise aufgezeichnet“ wird, wie sie mir erklärt. Ich selbst sehe des Öfteren, dass die Wände im Bahnhofsgebäude gereinigt werden.

Ich treffe einen zweiten Mann, der mit mir über das Thema sprechen möchte. Der 23-jährige Salzburger möchte seinen Namen nicht nennen. Er erklärt, dass er das „Ausländerproblem“ schlimm finde. Laut ihm treffe man am Hauptbahnhof auf sehr viel „Gsindel“, was für ihn ein Problem sei.

Er schmiere aber nichts an Wände, da schon genug Steuergelder für Flüchtlinge draufgingen. Außerdem würde er auch keine Leute beleidigen oder körperlich angreifen und habe es auch nie getan, betont er. Er bezeichne sich nur als Patriot, sei aber keinesfalls Neonazi oder etwas Ähnliches. „Man kann über die Definition ‚rechtsextrem‘ streiten“, meint er.

Auf Nachfrage gibt mir die Landespolizeidirektion Salzburg per E-Mail folgende Informationen zum Thema Delikte in Zusammenhang mit Rechtsextremismus:

“Im angefragten Zeitraum und zur Örtlichkeit sind drei Straftaten hinsichtlich einer ’nationalsozialistischen Wiederbetätigung‘ bekannt. (Tathandlungen: Zeigen des ‚Hitler-Grußes‘ beziehungsweise öffentliche, verbale Aussagen ‚Heil Hitler’/’Sieg Heil‘). Diese Taten wurden jeweils nach dem NS-Verbotsgesetz verfolgt. Beschuldigte zu den Fällen konnten jeweils angehalten beziehungsweise namhaft gemacht werden und es wurden von der Staatsanwaltschaft entsprechende Verfahren geführt.“

Die oben aufgelisteten Delikte passierten zwischen 2014 und 2017. Das ist auf den ersten Blick sehr wenig. Salzburg hat nicht nur am Hauptbahnhof, sondern generell ein Problem mit Rechtsextremen und Neonazis, wie VICE bereits 2015 berichtete.

So wurde zum Beispiel die SPÖ-Zentrale in Salzburg mit „H8“-Schriftzügen beschmiert. Ende 2013 wurden einige Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen, besprüht. Der 22-jährige Täter gab als Motiv „Überzeugung“, „Langeweile“ und „Spaß“ an. Im Januar 2014 wurde zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen das Mahnmal für Nazi-Opfer auf dem Salzburger Kommunalfriedhof geschändet, wie der Standard berichtete.

Foto: Arne Müseler

Im selben Jahr wurde ein Mahnmal zum Gedenken an die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus zerstört, wenige Monate später übersprühten Unbekannte weitere Stolpersteine. Im August 2015 wurden erneut im Zuge einer Hausdurchsuchung bei einem 23-Jährigen, der mit Österreich-Flagge, Hitlergruß und „Sieg Heil“-Rufen an seinem Arbeitsplatz für Aufregung gesorgt hatte, mehrere Schusswaffen und über 800 Schuss Munition gefunden.

Am Salzburger Hauptbahnhof sind auffällig oft Männer mit Glatzen und einschlägiger Kleidung zu sehen. Auch, wenn es nur wenige Anzeigen wegen Verstößen gegen das Verbotsgesetz gibt, ist das Bild, das Salzburg Abkommenden und Abfahrenden präsentiert, ein sehr klares.

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